Tod und neues Leben im deutsch-tschechischen Austausch

“Wir sichern uns die Heimat nicht durch den Ort, wo, sondern durch die Art, wie wir leben.” Georg von Oertzen

Hejnice (dt. Haindorf) liegt im malerischen Isergebirge und ist als katholischer Wallfahrtsort über seine Grenzen hinaus bekannt. Die einst reiche und wohlbekannte Region verkam seit den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer sozial schwachen Region.

Der aufkommende Nationalsozialismus in Deutschland veranlasste viele Tschechen, die Region zu verlassen und sich eine neue Heimat zu suchen. Während des Zweiten Weltkrieges fanden auch im Friedländer Zipfel etliche Deportationen der ansässigen Juden statt. Dies ließ die Region nach und nach an Menschen, Kultur und Heimatgefühl verarmen.

Die anschließende Nachkriegszeit führte zu einer massenhaften Vertreibung der Deutschen aus dieser Region. Was übrig blieb war ein einst wohlhabender Ort, seiner gesamten Kultur und Identität

beraubt. Zurück blieben wenige Menschen, die ihre Heimatkultur pflegen konnten. Geschichtlich bedingt war es fortan schwierig, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Ideologie zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen zu lassen. Und auch heute kann man diesen Prozess nur als unvollendet ansehen.

Die fehlende Kultur ist dabei ein wichtiger Faktor. Dabei sind Pop-Konzerte und kurze Besuche von Stars und Sternchen nicht zielführend. Der tiefere Sinn von Kultur, dem lateinischen Wort colō, colere, coluī, cultum – kultivieren, liebevoll und sorgfältig pflegen, sowohl die äußere Welt (Landschaft, Häuser, Felder), als auch die Beziehungen zu anderen Menschen und auch die innere Welt – unsere Seele, das ist es, was in Hejnice gefördert werden soll. Eine engagierte Gruppe um Lucie Nováková möchte mit ihren beiden Projekten jungen Menschen in der Region eine Möglichkeit bieten,einander zu treffen, kennenzulernen, Erfahrungen und Wünsche auszutauschen, gemeinsam den Gottesdienst zu genießen und auf kreative Art sich mit tiefgründigen Themen auseinanderzusetzen.

Die tschechische Schriftstellerin Veronika Hurdová liest am ersten Abend aus ihrem Buch „Mein lieber Tod“. Das Thema “Tod” ist bis heute in Tschechien mit vielen Tabus belegt. Veronika, die selbst ihren Mann verloren hat und plötzlich allein mit ihren drei Kindern im Leben stand, verarbeitet literarisch ihre Erfahrungen und möchte so eine Sensibilität dem Thema gegenüber bei ihren Lesern und Zuhörern

erwecken. Denn auch Hejnice als Gemeinschaft musste viele Verluste verkraften und mit wenigen Mitteln zu einem eigenen Wir-Gefühl und zu Heimatverbundenheit zurück finden. Dabei ist es vor allem für die junge Bevölkerung wichtig, sich mit der Vergangenheit der Region und den Geschichten der Alten zu beschäftigen und eine besondere Sensibilität für das Erbe ihrer Heimat zu entwickeln.