Erben der Geschichten


Das Projekt


Wie war das eigentlich damals Anfang der 70er in Ostsachsen? Wer war Deine Mutter als sie 20 Jahre jung war? Was bedeutet es im Tal der Ahnungslosen gelebt haben zu sollen? Wie umfangreich war das Angebot in den Intershops? Welche Rolle spielte die junge deutsche Geschichte im Alltag und Leben der Menschen vor und nach der Wende? Ein kleiner Auszug von Fragen, die sicherlich eine Vielzahl von Antworten kennen. Auf der Suche nach eben dieser Vielfalt geben wir uns weniger klassischen Geschichtsbüchern, als mehr einer der vielleicht wertvollsten Quellen menschlichen Daseins hin: den Menschen selbst. Das ostsächsische Kulturprojekt "Erben der Geschichten"  stiftet Menschen zu dem an, was seit jeher eine der Essenzen gesellschaftlichen Zusammenseins darstellt: einfach zuhören; während an Lebensjahren Reichere von ihren Schätzen, ihren Erinnerungen einfach erzählen. Menschen sollen keine Stimme bekommen, sondern sie sollen die Stimme sein. Und aus diesem, vielleicht nur diesem Akt der Wertschätzung und Aufmerksamkeit wird gesellschaftlicher Zusammenhalt und ehrliche Beteiligung wahrscheinlicher. Darum lasst uns gemeinsam unsere Geschichten teilen. Denn wenn wir den Mut fassen, das zu tun, entdecken wir vielleicht, dass wir mehr gemeinsam haben als wir ahnen.

ERBEN DER GESCHICHTEN - Tod und neues Leben auf dem Land in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts

Die Geschichte lehrt andauernd. Sie findet nur keine Schüler.“ Ingeborg Bachmann (1926-1973)

Die Vergangenheit ist mehr als gegenwärtig, sie ist die Basis der Zukunft, der Boden, auf dem wir stehen, und kann daher nicht einfach ad acta gelegt werden. Jede Gesellschaft, jede Generation hat ihre eigene Geschichtserzählung. Dabei wird unser Geschichtsbild geprägt von Politik und Gesellschaft, von Wissenschaft und Medien. Denn das Verschwinden der Zeitzeugen und die mediale Aufbereitung der Vergangenheit beeinflussen zunehmend die Erinnerung.

Wie treffend die Erkenntnis von Ingeborg Bachmann ist, zeigen unter anderem die sächsischen Wahlergebnisse 2019. Ein Anwachsen rechtspopulistischer, teils rechtsextremistischer Parteien, insbesondere im Osten des Freistaates ist das Ergebnis. Worin begründet sich diese Resonanz? Fernab sicherlich vieler plausibler Gründe, setzt dieses Projekt weniger auf Erklärung des Unerklärbaren, als mehr auf ein allen Gemeinsames: die Menschen selbst. Jeder Mensch ist zu großen Teilen das Produkt aller seiner Begegnungen, Erfahrungen, sprich seiner Geschichte(n). Wie sehen die Geschichten von den Menschen auf dem Land aus? Worin sind Sie sich ähnlich? Wie war beispielsweise der Tod des DDR-Systems und das nun nicht mehr anklopfende, sondern aufbrausende neue Leben der BRD in den 90ern? Welche Geschichten begegnen sich eigentlich tagtäglich auf der Straße? Dieser bescheidene Ausschnitt von Fragen macht deutlich, dass vielleicht in dem Zuhören und Erzählen dieser ländlichen Geschichten von „Tod und neuem Leben“ eine bis Dato durchaus benannte, doch wenig tatsächlich umgesetzte Ressource, der gesellschaftlichen, kulturellen und zwischenmenschlichen Arbeit ist. Der erste Teil des Projektes erfasst Interviews zwischen Jung und Alt in der ländlichen Region und arbeitet sie in einer Open-Space-Veranstaltung mit allen Teilnehmenden kreativ auf. Interessierte können sich die Interviews online anhören oder erlesen. Passendes Bild- und Fotomaterial soll den Geschichten, über das Literarische hinaus, einen präzisen illustrativen Eindruck verschaffen.

Im zweiten Teil des Doppelprojektes werden die Ergebnisse in Form einer Ausstellung bzw. Erlebnislesung der Öffentlichkeit präsentiert.

Das Projekt soll als Initialzündung dienen, um die Thematik langfristig zu manifestieren und mit Workshops, Lesungen, Gesprächsrunden und Buchpublikationen aufzuwerten.

 

Die Weitergabe der Vergangenheit im Gespräch ist – im Unterschied zum Lernen von Geschichte im Schulunterricht – ein emotionaler Vorgang, der viel mit Empathie, Mitleiden und dem Aneignen von Familiengeschichte zu tun hat. Das Projekt kombiniert dies mit der Verwendung digitaler Medien. Sie prägen nicht nur die heutige gesellschaftliche Kommunikation, sie bestimmen auch zunehmend unser Verständnis der Vergangenheit und schaffen neue Formen des Erinnerns und der Vermittlung von Geschichte. 

 

weitere Informationen unter:

www.erben-der-geschichten.de